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Kroatien wird NATO-tauglich

Nach dem Überfall der Wehrmacht am 6. April 1941 wurde das damalige Königreich Jugoslawien zerschlagen. Der größte Teil des heutigen Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Teile Serbiens unterstanden dann der Kontrolle der kroatischen faschistischen Ustascha, deren Anführer Ante Pavelic war. Die kroatische Sezession vom sozialistischen Jugoslawien 50 Jahre später wurde von einer Ustascha-Nostalgie begleitet, die inzwischen zurückgegangen, aber nach wie vor weit verbreitet ist.

»Sehen Sie, den Zweiten Weltkrieg haben die Kroaten zweimal gewonnen, und wir haben keinen Grund, uns bei irgendjemandem zu entschuldigen, wie es von uns die ganze Zeit verlangt wird: ›Gehet und kniet in Jasenovac nieder. Kniet hier nieder…‹ Wir haben vor niemandem für irgendetwas niederzuknien! Wir haben zweimal gewonnen und alle anderen nur einmal. Wir haben am 10. April [1941; B.Sch. ] gewonnen, als die Achsen-Mächte Kroatien als Staat anerkannten, und wir haben gewonnen, als wir nach dem Krieg am Tisch der Gewinner saßen.« Diese Worte, gesprochen vom heutigen Präsidenten der Republik Kroatien, Stipe Mesic, vor australischen Diaspora-Kroaten im Jahr 1991, sind beispielhaft für die Tradition, in welcher viele Kroaten ihren Staat sehen. Sowohl das faschistische Kroatien von Hitlers Gnaden als auch das heutige Kroatien werden oft in eine Tradition gestellt, weil in beiden Fällen das »natürliche Streben des kroatischen Volkes nach Unabhängigkeit« verwirklicht worden sei, wie es Kroatiens verstorbener Separatistenpräsident Franjo Tudjman einmal formulierte. Und so zieht Kroatien heute rechtsextreme Wallfahrer an.

Erster Halt ist in Bleiburg, schon vor dem Überqueren der österreichisch/slowenischen Grenze. Dort lieferten britische Soldaten kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges zehntausende kroatische Ustascha-Soldaten, slowenische Weißgardisten, muslimische SS-Angehörige an die aus dem antifaschistischen Widerstand hervorgegangene jugoslawische Volksarmee aus. Verbrecher wurden hingerichtet oder zu Zwangsarbeit verurteilt, andere freigelassen.. Rund 15.000 kroatische und muslimische Alt- und Neonazis treffen sich hier jedes Jahr am 11. Mai (Muttertag), gedenken ihrer Helden, singen Ustascha-Lieder und schwören Rache. Ein Denkmal erinnert an die »unschuldigen Opfer der Bleiburger Tragödie«. Das Erstaunlichste an dem alljährlichen Treiben ist, daß nicht darüber berichtet wird. Aus schierem Desinteresse? Oder vielleicht deswegen, weil solche Bilder nicht mit der gängigen öffentlichen Meinung übereinstimmen, nach der die Serben die Hauptbösewichte des Balkans zu sein haben?

Nach der relativ kurzen Fahrt durch Slowenien ist auch schon die kroatische Kapitale Zagreb nicht mehr weit. Enttäuscht muß der rechte Tourist feststellen, daß die nach dem Verfasser der Ustascha-Version der Nürnberger Gesetze benannte Mile-Budak-Straße, welche ihren Namen in der Ära Tudjman erhalten hatte, mittlerweile nicht mehr existiert. Abhilfe kann dafür jede beliebige Buchhandlung schaffen. Das Angebot reicht von Büchern über »Kommunistische Verbrechen an Kroaten während des zweiten Weltkriegs« bis zu Werken über die kroatischen Heldentaten während des »Domovinski Rat«, des »Heimatkrieges«, wie der Sezessionskrieg der 1990er Jahre hier offiziell heißt. Und wer des Serbokroatischen, pardon des Kroatischen, nicht mächtig ist, sollte die freundliche Frau an der Theke einmal nach »Mein Kampf« befragen, den gibt es nämlich auch auf Deutsch. Keinesfalls sollte man eines der vielen Musikgeschäfte auslassen, außer man möchte den Erwerb einer Thompson-CD versäumen. Dieser beliebteste kroatische Rockstar hat seinen Künstlernamen von der Knarre, die er im Krieg besaß. In seinen Songs feuert er die Armee an, über die Drina nach Serbien zu marschieren, und hetzt gegen »Antichristen und Kommunisten«.

Weiter empfiehlt sich die Fahrt nach Gospic, der größten Stadt der Region Lika-Senj, nahe der sogenannten Krajina, wo 1995 rund 200.000 Serben durch die kroatische Armee vertrieben und Hunderte ermordet wurden. Unterwegs kann man beispielsweise im Petrova-Gora-Gebirge halt machen, wo sich während des zweiten Weltkriegs Titos Partisanen versteckt hatten. Später wurde dort ein Museum errichtet, an welchem sich heute jeder nach Herzenslust austoben kann. Zwar hat die kroatische Armee 1995 einige Vorarbeit geleistet, aber es liegen immer noch zahlreiche Partisanen-Porträts verstreut auf dem Boden herum, nebst Büchern über den Partisanenkampf und anderen ehemaligen Museumsgegenständen.

In Gospic angekommen, wird man von der einheimischen Bevölkerung erst einmal argwöhnisch beäugt. Man sollte seine rechte Gesinnung möglichst schnell kundtun. Sonst wird man noch den Mitarbeiter einer Menschenrechtsorganisation zugerechnet, die in Gospic rasch mal vermöbelt werden, sollten sie auf die Idee kommen, Nachforschungen über Serben zu machen, welche hier einmal gelebt haben. Im nahegelegenen Jadovno befinden sich nämlich die berüchtigten 40 Meter tiefen Karsthöhlen, in die zur Ustascha-Zeit an Stacheldraht gekettete Menschen geworfen wurden. Das dortige Mahnmal ist erwartungsgemäß zerstört worden.

In Jasenovac, wo sich das größte Vernichtungslager auf dem Balkan befand, wurden vor allem Serben, aber auch zahlreiche Juden, Roma und kroatische Antifaschisten ermordet. Das Lager bestand aus fünf Teilen. Teil 4 war Stara Gradiska, wovon noch Überreste zu sehen sind. Hier befindet sich sogar eine Gedenktafel. Es wird der Opfer »serbischer Konzentrationslager« gedacht, weil hier während des letzten Krieges serbische Paramilitärs Gefangene hielten.

Doch der kroatische Staat scheint, wie schon so oft, langsam von Deutschland zu lernen, dessen Regierung sich heutzutage viel weniger erlauben könnte, wenn dort nichts zur Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit geschehen wäre. So gibt es mittlerweile eine Gedenkausstellung in Jasenovac, deren Mitarbeiter die an sich rühmliche Aufgabe übernommen haben, jedes einzelne Opfer mit Namen und Hintergrund zu erfassen. Das Ganze hat aber einen Schönheitsfehler: Im Gegensatz zu den säuberlichen deutschen Tätern hatten deren kroatische Waffenbrüder ihre Verbrechen nicht ansatzweise so minutiös dokumentiert. Daher kann nur ein kleiner Teil der Opfer genannt werden. Man erfährt von 59.589 Jasenovac-Opfern, und es wird zugegeben, daß dies vielleicht nicht die Gesamtzahl ist. Aber die 600.000 bis 700.000 zu jugoslawischen Zeiten beklagten Toten (auch Simon Wiesenthal schätzte die Gesamtzahl so hoch) sind mit keiner Silbe erwähnt.

Trotzdem: Eine Abkehr von der bisher betriebenen Ustascha-Verherrlichung zeichnet sich ab. So bezeichnet sich Präsident Mesic mittlerweile als gestandenen Antifaschisten. Und selbst der Vorsitzende der offen faschistischen Kroatischen Partei des Rechts (HSP), Anto Dapic, ist unlängst nach Israel gereist und hat für die Vernichtung der jugoslawischen Juden durch die Ustascha um Vergebung gebeten. Weshalb dieser Gesinnungswandel? Eine mögliche Antwort könnte die Zeitschrift der kroatischen Armee, Hrvatski Vojnik , geben. Sie lobt in ihrer aktuellen Ausgabe die Kooperation mit der NATO in höchsten Tönen und preist die angeblichen Vorteile eines Beitrittes an. Aber eine Organisation, welche ­Auschwitz als Vorwand für das Führen von Kriegen benötigt, will wohl kein Mitglied haben, das sich aufführt, als wäre vor 1945 nichts geschehen. Ähnlich dürfte man das auch in Brüssel sehen. Mesic und Co. haben das verstanden. Nachdem sie ihr Ziel, einen serbenfreien unabhängigen Staat Kroatien zu schaffen, nahezu erreicht haben, können sie ruhig ein bißchen großzügig sein. Wenn die kroatischen Politiker ähnlich wie die deutschen bei passenden Gelegenheiten historische Schuld eingestehen, dann werden ihre Soldaten sicher bald Seite an Seite mit ihren alten Kampfgenossen aus dem aufgeklärten Deutschland auf Afghanen und andere schießen dürfen, welche es zivilgesellschaftlich noch nicht so weit gebracht haben.

Veröffentlicht bei:

Ossietzky, 9. 11. 2007

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“Modernes” Image für Kroatien Die Politik wird vom Ziel des EU-Beitritts bestimmt

Aus den Parlamentswahlen in Kroatien vom 25. November 2007 ist ein relativer Sieger hervorgegangen: Die von Premierminister Ivo Sanader angeführte rechtskatholische “Kroatische Demokratische Gemeinschaft” (HDZ) führt, knapp vor den “Sozialdemokraten” der SDP. Wer sich mit welcher Kleinpartei verbünden wird oder ob es doch noch zu einer großen Koalition kommen sollte, war bei Redaktionsschluss noch nicht entschieden.

Die 1989 gegründete HDZ gewann 1990 die ersten Mehrparteienwahlen in der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien. Präsident wurde damals Franjo Tudjman, ein zum Nationalisten gewandeltes ehemaliges KP-Mitglied und Verbündeter des damaligen deutschen Außenministers Genscher. Mit Unterstützung Bonns und des Vatikan war es Tudjmans erklärtes Ziel, ein unabhängiges Kroatien zu errichten, koste es was es wolle. Aus diesem Grunde stand die Partei nebst nationalistisch gesinnten Kräften auch extrem rechten Kreisen offen, namentlich den Nostalgikern der klerikalfaschistischen Ustascha-Bewegung. Diese war verantwortlich für das bestialische Abschlachten Hunderttausender Serben, Roma, Juden und kroatischer Antifaschisten während des zweiten Weltkrieges.

Dass vor diesem Hintergrund die mehrheitlich serbischen Bewohner der Provinz Krajina, die sich innerhalb der kroatischen Verwaltungsgrenzen befand, den Aufstand probten, versteht sich. 1995 wurden alle ca. 250 000 Krajina-Serben im Rahmen der Operation “Oluja” (Sturm) von der kroatischen Armee vertrieben.

Premier Sanader bemüht sich seit seiner Wahl 2003, der Partei ein “modernes” christdemokratisches Image zu verpassen, schließlich möchte man sich die Chancen auf einen EU- und Nato-Beitritt nicht verspielen. Zu weit aus dem Fenster lehnen wird er sich freilich auch nicht können. Das könnte die Unterstützung des katholischen Klerus kosten, der zu einem großen Teil mit den alten Traditionen noch nicht gebrochen hat. So wird der von Wojtyla selig gesprochene frühere Kardinal und Ustascha-Kollaborateur Alojzije Stepinac immer noch als Held und Märtyrer (unter Tito war er ein paar Jahre im Gefängnis) verehrt. Und mit dem Wort “Kreuzweg” assoziiert man in klerikalen Kreisen nicht nur die Leiden Christi, sondern auch das Schicksal der nach dem Sieg der Partisanen gefangen genommenen Ustascha-Kämpfer und “Domobranci” (Heimwehrsoldaten).

Ob die Sozialdemokraten eine echte Alternative sein können, lässt sich stark bezweifeln: Als das mittlerweile verstorbene SDP-Mitglied Ivica Racan das Amt des Premierministers bekleidete, wurde nahezu die gesamte Infrastruktur (Energie, Banken, Telekommunikation etc.) an ausländische Investoren verscherbelt, was entsprechende Massenentlassungen zur Folge hatte.

Auch die kroatischen Medien sind mehrheitlich in ausländischer Hand. Hier sei, wie auf dem ganzen Balkan, vor allem der Westdeutsche-Allgemeine-Konzern genannt, dem wichtige Tageszeitungen wie “Jutarnji List” oder “Slobodna Dalmacija” gehören. Es ist wohl kein Zufall, dass Konzern-Geschäftsführer Bodo Hombach dem Kriegskanzler Gerhard Schröder als “Balkanexperte” gedient hat und EU-Sonderkoordinator für den Stabilitätspakt in Südosteuropa ist. Und wer die HDZ vor allem aufgrund ihres Nationalismus ablehnt, wird von der SDP ebenfalls enttäuscht sein: Ljubo Jurcic, dessen Kandidatur dem Posten des Ministerpräsidenten gilt, hat sich kürzlich stolz bei einem Konzert des rechtsextremen Rockstars “Thompson” alias Marko Perkovic ablichten lassen, der in seinen Songs unter anderem gegen Kommunisten, “Antichristen” und natürlich Serben hetzt.

Die Bürger Kroatiens durften also zwischen zwei Parteien auswählen, deren Unterschiede minimal sind und die der breiten Bevölkerung vor allem soziale Unsicherheit bescheren. Vielleicht wird sich irgendwann eine Mehrheit wieder der Zeiten erinnern, wo weder ethnische Nationalisten noch Apologeten des “freien Marktes” etwas zu sagen hatten und es den Menschen trotzdem deutlich besser ging.

Veröffentlicht bei:

Unsere Zeit, 12. Dezember 2007

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