Bericht eines Beobachters: Buch über den Milosevic-Prozess

Germinal Civikov: Der Milosevic Prozess, Bericht eines Beobachters, Promedia, Wien 2006, 216 Seiten, 13,90 Euro, kann beim Neue Impulse Verlag, Hoffnungstr.18, 45127 Essen, bestellt werden.

Nach dem mysteriösen Tod des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic wäre eine Debatte über den so genannten “Jahrhundertprozess” in Den Haag zu erwarten gewesen. Stattdessen wurden in den meisten Medien die alten Vorwürfe noch einmal aufgewärmt und nach ein paar Tagen war es wieder still um den toten Angeklagten. Einer von Wenigen, der diesen Prozess von Anfang bis Ende beobachtet hatte und gleichzeitig nicht mit den antiserbischen Wölfen heulte, war der bulgarischstämmige, in den Niederlanden wohnhafte Journalist Germinal Civikov. Was dieser in Den Haag erleben musste, lässt sich im Buch “Der Milosevic-Prozess-Bericht eines Beobachter”, erschienen im Promedia Verlag, nachlesen.

Die Anklage warf Milosevic vor, eine kriminelle Vereinigung (Joint Criminal Enterprise) angeführt zu haben, die auf den Trümmern des zerfallenen Jugoslawien ein Groß-Serbien errichten wollte. Dagegen zeigte Milosevic auf, wie die Zerstörung Jugoslawiens zuerst von Deutschland durch die Unterstützung der reaktionären kroatischen Regierung Tudjman und später vor allem von den USA betrieben wurde, was im Jahr 1999 in einen Bombenkrieg der NATO-Staaten gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien und Montenegro) gipfelte, wobei die kosovoalbanische Terrororganisation UCK als deren Fußtruppe fungierte. Wie “objektiv” das Haager Sondertribunal ist, zeigte sich schon damals, als Milosevic noch vor dem Ende der Bombenangriffe angeklagt wurde, dafür aber kein einziger NATO-Politiker. Entsprechend verhielten sich auch die Richter: Mehrmals präsentierte das Gericht angebliche “Insider” aus Milosevics Umfeld, welche Milosevic Verbrechen unterstellten und später als Betrüger entlarvt wurden, was die Richter aber nicht weiter störte.

Viele der Belastungszeugen stellten sich eher als Entlastungszeugen heraus, so zum Beispiel der ehemalige Chef des serbischen Staatssicherheitsdienstes Radomir Markovic, welcher am 24. Juli 2002 auftrat und erklärte, er sei von der serbischen Regierung unter Druck gesetzt worden, falsche, Milosevic belastende Aussagen zu machen. Hätte man es nicht mit einem derart ernstzunehmenden Thema zu tun, müsste man manchmal beinahe lachen: Am 29. April 2003 tritt ein “geschützter Zeuge” auf, welcher berichtet, er habe als Kellner in einem Restaurant in Novi Sad 1993 Milosevic belauschen können, wie dieser mit Verbündeten ethnische Säuberungen geplant hätte. Als Beleg folgen Abschriften aus einem damals angeblich geführten Tagebuch, welches im Orginal nicht mehr existiere. Ein Gericht, welches in einem Prozess, in dem es unter anderem um einen angeblichen Völkermord geht, von einem Kellner bekritzelte Papierfetzen als Beweismaterial benötigt, ist arm dran.

Doch von alledem berichteten die Massenmedien nicht, offiziell hiess es, Milosevic, stehe kurz vor seiner Verurteilung. Deshalb wird ihm auch vorgeworfen, die Tabletten, welche die Wirkung seiner Herzmedikamente neutralisierten, selbst eingenommen zu haben um die, von ihm gewünschte, Behandlung in einer Moskauer Spezialklinik zu erreichen. Wer sich aber das Fiasko der Anklage vor Augen hält, kann leicht einen anderen Schluss aus der Sache ziehen. Auf jeden Fall sei dieses hochspannende Buch allen noch Uninformierten empfohlen, denn “Es gibt mehr Ding, im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.”, wie der Angeklagte gegenüber dem Vertreter der Anklage Geoffrey Nice einmal aus Hamlet zitiert hatte.

Veröffentlicht bei: Unsere Zeit, 14. September 2007

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